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zur Reise in die Ukraine im Rahmen der Medienkampagne "Ukraine: 12 Points". Von Monika Rosenbaum, Projektreferentin bei IN VIA

Sie können den Bericht auch als PDF herunterladen. Hier geht es zum Download...

Mein Auftrag: In zwei Wochen durch die Ukraine zu fahren und die Situation ukrainischer junger Leute zu erkunden. Ich sollte Kontakt zu jungen Leuten, zu Vereinen und Institutionen aufnehmen und interessante Themen rund um die Jugend in der Ukraine zusammenstellen, zudem potentielle Autor/-innen für Artikel finden und soziologische Daten recherchieren. Der folgende Reisebericht benennt kurz die Themen und Stationen der Reise.

Ich hatte mir bei der Planung folgende Fragen gestellt:

  • Wo hat IN VIA bereits Kontakte?
  • Wo finden sich weitere interessante Ansprechpartner/-innen?
  • Welche Themen sind für ein möglichst umfassendes Bild der Jugend in der Ukraine wichtig?
  • Wie ist bei vorgegeben knappem Zeitrahmen eine effektive Route planbar, die mich durch alle Regionen führt?

Die Reise führte mich ausgehend von der Hauptsstadt Kiev kreisförmig durch die ganze Ukraine: In die Westukraine (L'viv, Ternopil, Černivcy), in den Süden (Odesa, Simferopol'), in den Osten (Donec'k, Dnipropetrovsk) und in den Norden (Černihiv).

Schlagworte siehe Spalte rechts.

Reisebericht

Kyjiv - Kiev

* Am Tage meiner Ankunft in Kyjiv treffe ich mich noch mit der Koordinatorin des christlichen Netzwerkes gegen Menschenhandel COATNET (www.coatnet.org). Als junge Frau von 26 Jahren, die zwischen Brüssel und Kyjiv die Arbeit des Netzwerkes koordiniert, hat sie einerseits selbst mit dem "klassischen" Ukraine-Thema zu tun, ist aber andererseits ein Beispiel für die neue Ukraine, für die jungen Leute, die die im Ausland gemachten Erfahrungen schätzen, aber in ihrem eigenen Land etwas ändern wollen.

* Die Journalistin Nina Körner, gleichfalls in Kyjiv, erzählt von einem Projekt in Odesa. Dort hat eine Frau in Eigeninitiative eine Art privater Pflegestelle für eine Vielzahl von Straßenkindern gegründet. Unter schwierigsten materiallen Bedingungen nimmt sie „Problemfälle“ in ihre kleine Wohnung auf, die gesellschaftlich bereits abgeschrieben waren. Sie hat gute Erfolge - und der erste sogar selbst eine Familien gegründet. Diese Arbeit soll nun legalisiert und finanziell abgesichert werden, mit Unterstützung einiger deutscher junger Leute, darunter Frau Körner.

L'viv - Lemberg (ca. 800.000 Einw., kulturelles und wirtschaftliches Zentrum der Westukraine):

* Treffen mit drei Kulturmittlerinnen und engagierten jungen Ukrainerinnen zur Themensammlung.

Eine wichtige deutschsprachige Informationsquelle vor Ort bilden die Kulturmittler/-innen. Verschiedene deutsche Institutionen, z.B. das Goethe-Institut (www.goethe.de), die Robert Bosch Stiftung (www.bosch-stiftung.de) oder der DAAD (www.daad.de) entsenden jeweils für einen befristeten Zeitraum junge Leute, die in der Regel an Hochschulen Sprachuntericht erteilen, sowie deutsche Kultur und Wissen über Deutschland vermitteln sollen. Durch ihre ukrainischen Kolleg/-innen und die Studierenden sind sie gut eingebunden in das alltägliche Leben, sind zudem offen für neue Eindrücke und interessiert daran, ihre Erfahrungen weiterzugeben. So haben junge Leute aus dem Umfeld der Robert Bosch Stiftung einen eigenen Verein zur Unterstützung von Ost-west-Aktivitäten gegründet, den MitOst e.V. (www.mitost.de). Diejenigen, die für deutsche Zeitungen schreiben, haben sich zudem in Form des Korrespondentennetzwerkes N-Ost (www.n-ost.de) zusammengeschlossen. Interessierte Redaktionen können hier unkompliziert Beiträge zu aktuellen Themen aus verschiedenen osteuropäischen Ländern, darunter auch die Ukraine, bestellen bzw. übernehmen.

Die beiden Bosch-Lektorinnen Sabine Goldmann (L'viv) und Gabriela Vojvoda (Ternopil), unterstützt durch die DAAD-Lektorin Kati Brunner, wollen das Au-pair-Jahr, ein wichtiges Thema für Sprachstudentinnen in der Westukraine, im Rahmen eines Filmprojektes mit Studierenden aufgreifen. Beim Treffen mit Tanja Balaschowa (MitOst-Koordinatorin aus L'viv) und der L'viver Journalistin Galina Huzjo werden einige weitere „junge“ Themen genannt, z.B. die innerfamiläre Rollenverteilung in der Westukraine und ungewöhnliche Behandlungsmethoden bei Schwerbehinderung genannt.

* Die DAAD-Lektorin Kati Brunner arbeitet auch als Journalistin und ist Mitglied bei N-Ost. Sie bereitet ein Portrait über eine Studentin aus dem westlichen Grenzort Ušhorod vor. Diese junge Frau ist hoch begabt und sehr engagiert, verfügt bereits über umfangreiche Seminar- und Konferenzerfahrung in Westeuropa, will aber trotzdem weiter in Ušhorod leben und sich dort engagieren.

Ternopil' – Ternopil (Provinzstadt in der Westukraine)

* Die Bosch-Lektorin Gabriela Vojvoda berichtet von der Situation ihrer Studentinnen. Diese kommen häufig aus kleineren Dörfern im Umkreis, wo sie teils schon mit 16 Jahren heiraten, so dass sie bereits als junge Mütter im Seminar sitzen. Es gilt für junge Frauen als Norm, mit Anfang zwanzig verheiratet zu sein, ebenso wie es als unangemessen gilt, mit jungen Frauen über andere als familienbezogene Themen zu sprechen, also z.B. nicht über Politik. Es gibt einen großen Druck, im Ausland zu arbeiten. Auch Au-pair ist für viele Student/-innen ein Thema und es gibt insgesamt großen Beratungsbedarf zum Thema Auslandsaufenthalte. Kolleg/-innen aus der Hochschule fahren teils selbst ins Ausland, allerdings nicht zum akademischen Austausch, sondern: für drei Sommermonate als Erntehelfer/-innen.

Im Fachbereich Deutsch der lokalen Universität gibt es großes Interesse am Projekt „12 Points“ und Student/innen wollen die Gelegenheit nutzen, ihr Leben vorzustellen.

* Jugend in verschiedensten Problemlagen war Thema des Besuches bei der Caritas in Ternopil' (www.caritas-ua.org). Mir wurden verschiedenste Projekte vorgestellt.

Die Caritas bietet einen Treffpunkt für Kinder und Jungendliche, die auf der Straße leben. Ansatz der Caritas ist es, die Lebensweise dieser Kinder zu akzeptieren, sie aber möglichst umfassend zu unterstützen. Diese Kinder und Jugendlichen sind oft sogenannte "Sozialwaisen". Hier wirkt sich auch die hohe Migrationsbereitsschaft der westukrainischen Bevölkerung aus: Während die Eltern im Ausland arbeiten, sind die Kinder oft bei den Großeltern oder anderen Verwandten untergebracht. Manche werden kaum oder gar nicht beaufsichtigt und geraten so schnell in Situationen, die zu einem Leben auf der Straße führen. Im Treffpunkt hängen schöne, sehr ausdrucksstarke Porträtfotos der Straßenkinder, in farbenfrohen Rahmen, die diese selbst gestaltet haben.

In den Räumen der Caritas werde auch präventive Maßnahmen für Jugendliche wie Erwachsene im Bereich der Suchtvorbeugung durchgeführt, beispielsweise Kunst, Meditation oder Kick-Boxen. (Fotos)

Die Caritas der Westukraine nimmt teil an einem Programm zur Reintegration der Opfer von Menschenhandel. Die Frauen werden in einer betreuten Wohnung untergebracht und psychologisch begleitet. Durch Kurse zur professionellen Qualifizierung werden sie in die Lage versetzt, wieder selbst für sich zu sorgen.

Bei der Caritas sind eine ganze Reihe von Ehrenamtlichen engagiert, junge Leute, fast ausnahmslos Student/-innen, die sich einmal in der Woche treffen, sich gemeinsam mit interessanten Themen befassen und die konkreten Arbeitseinsätze im Rahmen der sozialen Arbeit der Caritas planen. Die Ehrenamtlichen sind in allen Bereichen der Caritasarbeit aktiv: von der Suppenküche bis zum Deutschuntericht für die Straßenkinder. Geleitet wird die Arbeit dieser Ehrenamtlichen von einem jungen Mann mit einem Hochschulexamen in Internationalem Management, der selbst langjährig im Rahmen der Jugendarbeit seiner Gemeinde engagiert ist.

Zwei junge Leute aus den Reihen der Caritas-Ehrenamtlichen studieren derzeit Sozialarbeit in Deutschland, genauer an der Katholischen Fachhochschule Freiburg, einer Fachhochschule, die selbst eng mit dem deutschen Caritasverband verbunden ist. Hier ist der Auslandsaufenthalt mit einer beruflichen Perspektive im Heimatland eng verbunden, vielleicht ein zukunftsweisendes Modell?

Černivcii - Czernowitz (ehemals kulturelles Zentrum der Bukowina)

* Ein weiterer katholischer Verband, der sich in der Ukraine engagiert: Kolping. In einem Gespräch mit den Mitarbeiter/-innen der dortigen Kolping-Geschäftsstelle stellten die überwiegend jungen Mitarbeiter/-innen die Arbeit ihres Verbandes vor, insbesondere berufsbezogene und allgemeine Bildungsarbeit. Eine lange Diskussion entfacht sich an den Problemen, die entstehen, wenn die mehr oder weniger gut qualifizierten jungen Leute aus manchen Gegenden der Westukraine in Massen im Ausland nach Arbeit suchen. Im Zusammenhang mit „meinem“ Au-pair-Thema werden zwei Probleme benannt:

Gut qualifizierte junge Leute, z.B. Hochschulabsolventinnen, nutzen das Au-pair-Jahr um eine Weiterqualifizierung im Ausland vorzubereiten, mit der Folge, dass diese Hochqualifizierten, oft die Besten ihres Jahrgangs, den heimatlichen Universitäten verloren gehen...

Für manche gering Qualifizierte gilt das Au-pair-Jahr dagegen als legaler Einstieg in einen nachfolgenden illegalen Aufenthalt im Ausland. Auch die Ausweisung kann diese Menschen nicht abschrecken – sie besorgen sich einen neuen Pass, z.B. auf den Namen einer alten Verwandten, und fahren erneut los...

* Der Auswanderungsdruck war Thema auch im Gespräch mit der DAAD-Lektorin Stefanie Stegmann. Sie wusste zu berichten, dass ihre Sprachstudent/-innen davon überzeugt sind, dass alle jungen Leute sich gut zwischen den verschiedenen Möglichkeiten, ins Ausland zu gehen, zurechtfinden, dass sie vor allem zu unterschieden wissen zwischen den verschiedenen Zeitungsinseraten und den Nummern für Ernteeinsätze und denen für Prostitution. (Ich kommentiere dies bewusst nicht.)

Frau Stegmann hat zusammen mit ihrer Kollegin in Odessa eine Reihe von Akademikerinnen mit unterschiedlichen Berufswegen interviewt und Einiges daraus in einem umfangreichen Überblicksartikel verarbeitet. Das prinzipielle Dilemma der sowjetischen Gleichstellungspolitik hat sich anscheinend auch in der jungen Ukraine bislang nicht auflösen lassen.

Odesa - Odessa

* Der Kindergarten des Bayerischen Hauses ist eine Einrichtung mit deutschem Schwerpunkt, aber mangelnder Finanzierung. Aus unserer Sicht in bescheidenem Zustand, aber nach ukrainischen Maßstäben nicht schlecht ausgestattet. Die beiden Kinder einer Erzieherinnen waren anwesend: Da in Odessa eine Grippewelle umgehe und die Schulen fast unbeheizt seien, hätten die Kinder bereits in der dritten Woche schulfrei. Auch solche Faktoren beeinflussen das Leben der berufstätigen jungen Eltern.

* Elena Tomchenko, Leiterin des Sprachzentrums, und Karl Walter, Berater der Bayerischen Hauses,.

Teilnehmer von Deutschkursen werden aufgefordert, Beiträge zu verfassen.

Das Bayerische Haus trägt verschiedene deutsch-ukrainische Berufsbildungsmaßnahmen, z.B. für ukrainische Landwirte und für Bauchfacharbeiter: evtl. Thema für einen Beitrag

Im Rahmen eines neuen Projektes werden Maßnahmen zur Aids-Prävention umgesetzt, auch hier mit jungen Multiplikator/-innen (evtl. Beitrag)

Dnipropetrovs'k

Der Besuch dieser Stadt erfolgte, ebenso wie die Entscheidung für einen zweitägigen Aufenthalt in Donezk, aus einer Mischung aus Neugier und Trotz heraus: Einerseits sind beide Städte als große industrielle Zentren bekannt, andererseits sind sie in kultureller Hinsicht (im weitesten Sinne des Wortes) praktisch weiße Flecken auf der Landkarte und werden selbst im besten Ukraine-Reiseführer nicht erwähnt. Im Rahmen der Berichterstattung zur Orangenen Revolution wurden die industriellen Zentren der Ukraine in erster Linie mit pro-russischer Orientierung, korrupter Clanwirtschaft und durch Propaganda manipulierter Bevölkerung in Verbindung gebracht.

* Die Bosch-Lektorin Catharina Mileska begleitet mich auf der Suche nach Gesprächspartner/-innen. Im Institut für Soziologie, das auch an internationaler vergleichender Jugendforschung beteiligt ist, werden wir vertröstet: Es sei niemand anwesend und die Genehmigung, irgendwelche Forschungsdaten zu zitieren, könne sowieso nur der Direktor geben.

* Ein Erlebnis der „Dritten Art“: Auf der Suche nach einem Club „Dialog“, der mir als interessantes Angebot ganzheitlicher Bildung für Kinder und Jugendliche geschildert wurde, landeten wir bei einem anderen Verein mit dem Namen Dialog: einer Einrichtung zur Unterstützung von Sektenopfern. Beide Verein residieren im selben Haus, nur in unterschiedlichen Stockwerken. Beide befassen sich mit einem zentralen Problem der ukrainischen Gesellschaft: der geringen inneren Stabilität ihrer Mitglieder, die gerade junge Leute so anfällig macht für Drogen und andere Abhängigkeiten, für Okkultes, dubiose psychologische Techniken oder eine der vielen Sekten, die gerade im Osten der Ukraine seit den 90er Jahren aufblühen.

* Beim Stammtisch mit Studierenden. die an der deutschen Sprache interessiert sind, schildert mir ein junger Mann, der selbst im Winter Leiter einer Wahlkommission im Stadtteil war und gerade sein Politikstudium abschließt, die Probleme, mit einer akademischen Ausbildung eine qualifizierte Stelle zu finden.

* Ich wundere mich: Beide Lektorinnen, die ich treffe, schildern das Leben in dieser recht wohlhabenden Industriestadt als durchaus angenehm und auch kulturell interessant. Die Stadt ist sowjetisch geprägt, aber ganz schön, hat eine romantische Vergangenheit und einige archäologische Sehenswürdigkeiten - und ist in Deutschland völlig unbekannt.

Simferopol'

* Bei einer Pressekonferenz im Heidelberghaus sind die großen Tageszeitungen der Krim vertreten. Die Medienaktion wird wohlwollend zur Kenntnis genommen, eine Journalistin möchte sich auch daran beteiligen. Weitaus größeres Interesse zeigten die Pressevertreter/-innen am Thema Au-pair, da sie mich in erster Linie als Vertreterin einer Au-pair-Organisation wahrnehmen und mit diesem Thema sehr konkreten Fragen verbinden. Wichtige Themen sind die Sicherheit der Au-pairs (welche Sicherheitsgarantien können wir geben? wie wählen wir Gasteltern aus? fahren wir zu den Familien und überprüfen wir sie?) und die Erwartungen der Gastfamilien (Wieso nehmen die keine ausgebildete Kinderfrau? Wieso vertrauen die ihre Kinder einem so jungen und fremden Mädchen an? Gelten Au-pairs nicht nur als billige Haushaltshilfen?). Das erste Mal, dass ich mit einer an sich logischen Reaktion auf unsere Berichte über ukrainische Zwangsprostitution konfrontiert werde: Was ist das eigentlich für ein gefährliches Land, Deutschland? Können wir unsere Kinder guten Gewissens dorthin schicken?

Fast alle Teilnehmer/-innen der Pressekonferenz äußern gegen Ende ihre Dankbarkeit dafür, dass zu diesem Thema Aufklärungsarbeit geleistet wird.

* Das Heidelbergzentrum ist eng mit der Städtepartnerschaft Simferopol’ – Heidelberg verbunden. Heute ist hier ein großes Hilfprojekt für ehemalige Zwangsarbeiter/innen angesiedelt. Die Leiterin des Hauses schildert das Engagement junger Menschen, aus Deutschland und aus der Ukraine, in der Betreuung der ehemaligen Zwangsarbeiter/-innen. So finden beispielsweise Sommerlager statt, bei denen in den Wohnungen der alten Leute Renovierungsarbeiten vorgenommen werden. Die Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste entsendet zwei Freiwillige ins Heidelbergzentrum, die im Zwangsarbeiterprojekt mitarbeiten, dabei aberauch Kontakt zu jungen Leuten vor ort haben. Die beiden schreiben ein Porträt eines jungen Rollstuhlfahrers, der der Volksgruppe der Krimtartaren angehört.

* In den Räumen des Heidelbergzentrum arbeitet u.a. auch ein selbstorganisierter Computerclub für junge Leute mit Behinderungen, in dem diese im Umgang mit dem PC Erfahrungen sammeln und so ihre Berufsaussichten verbessern können.

Donec'k – Donezk

* Unterstützt durch die DAAD-Lektorin Helga Peppel habe ich an beiden Tagen die Medienaktion in Uni-Seminaren für Deutsch- bzw. Englischstudent/-innen vorgestellt und auch versucht, mit den jungen Leuten über ihr Leben in Donec'k ins Gespräch zu kommen. Zwar wurde dabei wenig Konkretes berichtet, alle äußerten aber große Zufriedenheit über die Situation in Donec'k und wenig konkrete Pläne in Bezug auf einen Auslandsaufenthalt - ein großer Unterschied zu früheren Erfahrungen im Westen oder Süden der Ukraine. Ich habe dafür geworben, die positive Einstellung in Beiträge für die Aktion zu konkretisieren.

* Natalia Kaftannikova, der Sekretärin der Partnergesellschaft Bochum-Donezk, führt uns zum "Bochum-Haus" (weniger städtisch, eher evangelisch), wo u.a. ein Sozialprojekt angesiedelt ist, sowie in eine katholische Kirche mit starker Jugendarbeit.

* An einem Nachmittag stand ich im Deutschen Lesesaal für Gespräche und Fragen der Besucher/-innen zur Verfügung. Dabei ging es um Au-pair und Austauschprogramme, aber auch um die Situation von jungen Leuten in Deutschland und in der Ukraine allgemein. Zwei junge Leute führen ein Streitgespräch über die Perspektiven junger Fachleute in Donec’k: Was ist wichtiger – die eigene materielle Zukunft zu sichern oder die Entwicklung des Landes zu begleiten und mitzugestalten? Eine junge Religionswissenschaftlerin berichtet über friedliches Koexistenz der vielen Religionen im Osten.

* Die stellvertretende Leiterin der städtischen Jugendbehörde beschwert sich im Gespräch bitter über das mediale Donec'k-Bild und beklagt, dass die Stadt im westlichen Ausland als politisch rückwärtsgewandt und ansonsten uninteressant gesehen wird. Sie gibt einen kurzen Überblick über die Jugendsituation in der Stadt gegeben und stellt das System der Mini-Grants, mit denen kleinere Einzelprojekte von Jugend- und Fraueninitiativen gefördert werden.

Černihiv (ca. 300.000 Einw., 2 h von Kyjiv, Hauptstadt des gleichnamigen Bezirkes mit 1 Mio Einw.)

* Über einen verbandlichen Kontakt wurde der Kontakt zu Wladimir Nikinenko vermittelt, der über die deutsche Jugendbewegung promoviert hat und dazu auch an der Uni in Černihiv lehrt. Hauptsächlich arbeitet er aber in der Presse-Aufsichtsabteilung des Bezirks Černihiv, also in der Abteilung der Bezirksverwaltung, in der die Medien registriert werden, wo z.B. aber auch eine ganze Reise von eigenen Druckereien verwaltet wird. Herr Nikinenko hat mit viel Engagement eigens für mich ein ausnehmend spannendes kleines Programm organisiert.

* In der katholischen Gemeinde haben uns die offizielle (juristische) Leiterin und einer der Priester die Aufbauarbeit der Gemeinde, das sozialen Engagement der Gemeinde und die Jugendarbeit geschildert. Beide betonen, wie gut die verschiedenen Religionen und Konfessionen innerhalb der Stadt zusammenarbeiten, nicht zuletzt durch die behutsame Moderation des städtischen Religionsbeauftragen. Dies ist interessant auch deshalb, weil das staatliche Pendant, ein Komitee, gerade unter großer Zustimmung der Religionsvertreter abgeschafft wurde.

* MozArt ist ein Verein zur Förderung nicht-kommerzieller Pop-Musik. Hier werden allgemeine Angebote für Kinder und Jugendliche organisiert, im Schwerpunkt der Arbeit steht aber eine Reihe von Pop-Ensembles. Ich habe mit einer Gruppe von ca. fünfzehn Jugendlichen aus verschiedenen Gruppen gesprochen. Diese Gruppen treten bei regionalen Veranstaltungen auf und werden durch MozArt umfassend gefördert (von Gesang und Tanz bis zu Yoga). Bei der spontanen Vorführung einer Boy-Group und einer Mädchengruppe gefallen mir beide gut: russischsprachiger Pop, teils eigene Stücke, teils Neu-Arrangements beliebter Stücke der Sowjetzeit. Mir wird die Neujahrs-CD geschenkt - prima musikalischer Hintergrund für Veranstaltungen zur Aktion. Frage: Ist dies jetzt ukrainisch? Und wenn, ja, in welchem Sinne? Das diskutiere ich Wochen später mit einem ukrainisch sprechenden Ukrainer...

* Die staatlichen Jugend-Strukturen lerne ich in ihrem Zusammenspiel bei einem Gespräch am folgenden Tag kennen. Anwesend sind Vertreter/-innen jener Gremien buw. Einrichtungen, die sich im Bezirk mit dem Thema Jugend befassen: Jugendausschuss im Stadtrat, Soziale Dienste für Kinder, Jugendliche und Familien sowie Jugendzentren. Sie haben mir Dateils ihrer Arbeit vorgestellt und erklärt, wie die einzelnen Bereiche sich ergänzen. Als Vertreterin eines Jugendverbandes war auch eine Leiterin der Ukrainischen Girl Guides, der Pfadfinderinnen, anwesend, die ebenfalls im Bezirk aktiv sind.

Problembereiche sind z.B. Aids (1000 registrierte Kranke) und Drogen (2100 reg. Abhängige). Gerade bei jungen Männern in ländlichen Gegenden ist Alkoholmissbrauch ein ernstes Problem. Registriert sind 21.000 Alkoholabhängige. Thema auch: Gewalt in der Familie. Großer Schwerpunkt: Prävention und "soziale Werbung" für eine gesunde Lebensweise.

Jugendtreffs: Training "Selbstbehauptung", Basare mit Erlös für finanzielle Akut-Hilfe, beondere Angebote für Kinder mit Behinderungen: Sie lernen den Umgang mit dem PC oder besondere Massage und bringen das ihrerseits als Ehrenamtliche anderen Kindern bei. (S. auch O-Ton „Ludmilla“).

Kyjiv - Kiev

* Christian's Children Fund (www.ccf.org.ua): Die Leiterin Laktionova stellt eines der Projekte vor, die diese Organisation mit internationaler (in diesem Fall auch deutscher) Unterstützung umsetzt: ein Projekt zu Aids-Prävention.

* Das staatliche Ukrainische Sozialforschungsinstitut (www.uisr.org.ua) ist im Bereich der Jugendforschung vergleichbar dem Deutschen Jugendinstitut, mit dem es auch kooperiert. Leider ist der Großteil der aktuellen Forschungsliteratur bereits auf ukrainisch abgefasst. Das Institut bearbeitet Themen rund um Kinder, Jugend und Familie. Hier werden nicht nur die jährlichen Jugendberichte, sondern auch Berichte zu anderen Themen, z.B. über HIV-kranke Kinder, das Sex-Business in der Ukraine oder die Prävention von Zwangsprostitution erstellt.

* Die deutsche Botschaft in Kiev (www.deutsche-boschaft-kiev.ua) unterstützt ein Waisenhaus in der Stadt, verfügt aber auch darüber hinaus über Kontakte zu Jugendorganisationen.

* Die „Alternative V“ organisiert schon seit über zehn Jahren Freiwilligendienste, z.B. Workcamps. Freiwillige der „Alternative V“ werden z.B. beim Renovieren des von der deutschen Botschaft in Kiev unterstützten Waisenhauses mitarbeiten.

* Ich habe mit einem ukrainischen Mitarbeiter des DAAD gesprochen, der ein Projekt zum Verbleib der DAAD-Alumnis leitet. Dieses Projekt wurde initiiert, weil der DAAD damit konfrontiert wird, dass Stipendiat/-innen nicht in die Ukraine zurückkehren und Universitäten deswegen die DAAD-Angebote kritisch bewerten. Sergij Gulevskij wird in einem ersten Schritt versuchen, zum tatsächlichen Rückkehrverhalten der Alumnis konkrete Zahlen zu erheben. „Brain drain“ – so wird diese Entwicklung benannt, wenn gerade ärmere Länder ihre qualifiziertesten Arbeitskräfte ans zahlungskräftige Ausland verlieren. Dass auch aus der Ukraine viele hochqualifizierte junge Leute nach Deutschland kommen, wird in unseren Visa-Debatten oft übersehen.

* Vom Ausreisen und Zurückkommen: Vor bem Hinflug war ich mit einer Mitreisenden ins Gespräch gekommen, mit einer Ukrainerin, die in Deutschland als Programmiererin erfolgreich ist, aber ihre spirituellen Wurzel in der Ukraine sieht und deshalb regelmäßig dorthin reist. Wir sehen uns beim Rückflug wieder. Sie erzählt von ihrem Besuch, aber auch von den Problemen ihrer Kinder, die zwischen beiden Ländern hin- und hergerissen sind. Später im Flugzeug sitze ich neben einem ca. 50-jährigen Matrosen aus Odessa. Er arbeitet für eine kanadische Reederei, ist monatelang auf See und zwischendurch immer wieder für ein, zwei Monate bei seiner Familie in Odessa.

Diese beiden Menschen leben zwischen den Welten und zahlen dafür im Privatleben einen hohen Preis. Solange sich jedoch die Arbeits- und Lebensperspektiven junger Menschen nicht verbessern, werden auch weiter viele junge Leute ihre Zukunft im Ausland suchen – trotz aller persönlicher Kosten.